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04.06.07 - Der Spiegel (Nr. 23)


Vage Hoffnungen



Es waren vor allem gutbetuchte Kunden, die in die Immobilienfonds der Genossenschaftsbanken investierten. Nun ist das Geld weg, und den Schaden sollen die Anleger tragen.

 

Hans Joachim Bendlin kann es immer noch nicht so recht glauben. 32 Jahre hat der Wirtschaftsingenieur die Datennetze von Volks- und Raiffeisenbanken betreut. Und nun sind es ausgerechnet die Genossen dieses Bankenverbundes, die "mir ein Standbein meiner Altersvorsorge kaputtmachen", sagt Bendlin ernüchtert.


Anfang der neunziger Jahre riet ihm die Spar- und Kreditbank Karlsruhe, in geschlossene Immobilienfonds der DG Anlage, ebenfalls aus dem Genossenschaftslager, zu investieren. Angelockt von dem Versprechen einer sicheren Rendite und hohen Steuerersparnissen, legte Bendlin insgesamt 110 000 Mark in drei Fonds an.

Doch der Immobilienmarkt in den neuen Bundesländern brach zusammen. Die Verluste seiner Fonds türmten sich Jahr für Jahr immer höher, die Mieteinnahmen deckten nicht mehr die Fremdkapitalzinsen. Immerhin bekam Bendlin als einer der besseren Kunden der Karlsruher Bank einen Gütetermin beim Vorstand. Dessen Angebot, die Anteile an den Fonds aus Kulanzgründen für 7500 Euro zurückzunehmen, wertet er als "schlechten Scherz".

So wie Bendlin geht es etwa 22 000 Anlegern, die insgesamt knapp 600 Millionen Euro in ein Dutzend malade Fonds der DG Anlage gesteckt haben. Weil oft ihre besten Kunden in den Anlagen feststecken, schlagen immer mehr der 1255 Volks- und Raiffeisenbanken Alarm. Sie machen die DZ Bank als Rechtsnachfolgerin der DG Bank, der früheren Muttergesellschaft der DG Anlage, für das Desaster verantwortlich.

Eigentlich hatte DZ-Bank-Chef Wolfgang Kirsch gehofft, die Probleme still beerdigen zu können. Noch in seiner Zeit als Risikovorstand der DZ Bank hatte er 2002 und 2003 dafür gesorgt, dass die DG Anlage die teilweise uneinbringlichen Kredite der Fonds auf eine "bad Bank", die genossenschaftliche Abwicklungsbank BAG Hamm, übertragen hat.

Doch die Wogen bei den Genossen schlugen immer höher. Schließlich hatten neben vielen "VIP-Kunden" auch rund 100 Vorstände der Volksbanken selbst in die Fonds investiert. Am 30. März dieses Jahres bat Kirsch dann in einem dreiseitigen Brief an die Vorstände um weniger Emotionen und legte sein Konzept offen.

Oberstes Ziel von Kirsch ist die Schadensbegrenzung für seine Bank. Die Problemfonds sollen mit Hilfe eines Konzepts der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte & Touche saniert werden, "um so Insolvenzfälle und damit eng verknüpft einen erheblichen Reputationsverlust des gesamten genossenschaftlichen Finanzverbundes zu vermeiden".

Die DZ Bank als Treuhänderin der Fonds sowie DG Anlage und BAG sind bereit, die Sanierung durch einen Teilforderungsverzicht sowie Zins- und Tilgungsfreistellung auf bestimmte Kreditteile zu unterstützen. Selbst auf einen Teil der üppigen Geschäftsbesorgungs- und Treuhandvergütungen, die die DZ Bank und ihre Ableger über all die Jahre von den Fonds kassiert haben, will die Bank anscheinend großherzig verzichten.

Das Hauptopfer ist aber nach wie vor den Anlegern vorbehalten. "Die Gewährleistung des Werterhaltes für die Anleger oder von Ausschüttungen an die Anteilseigner ist nicht Bestandteil der Konzepte", schreibt der Bankchef an seine Kollegen. Für die Kunden bleibe die Hoffnung auf künftige Wertsteigerungen, die aber selbst Kirsch als "vage" bezeichnet.

Am DG Anlagefonds Nr. 30 "Berlin und Neue Länder", in den auch Bendlin investiert hat, lässt sich die Malaise beispielhaft nachzeichnen. "Das Angebot verbindet

viele Vorteile einer weitsichtigen Vermögensanlage: einkommensteuerliche, vermögensteuerliche, schenkungs- und erbschaftsteuerliche Vorteile und die Sicherheit realer Werte, die Immobilie", lockte die DG Anlage im Jahr 1992.

Doch zu den gewünschten, weil steuermindernden Abschreibungen, mit denen viele eher gutbetuchte Anleger gelockt wurden, gesellten sich bald ganz reale Verluste. Schon bei der Gesellschafterversammlung des Fonds Nr. 30 im Oktober 2000 hieß es ernüchternd, dass "die laufende Kostendeckung nicht mehr erwirtschaftet werden kann". Ohne Sanierungsmaßnahmen wäre bis Ende 2010 ein Verlust von zwölf Millionen Euro aufgelaufen.

Die DG Anlage hatte im Boom der Nachwendezeit die 200 Millionen Euro des Fonds in gute Immobilienstandorte wie die Berliner Friedrichstraße, aber mehr noch in bestenfalls zweitklassige Standorte für Bürohäuser wie in Berlin-Pankow investiert. Als die Euphorie im ostdeutschen Immobilienmarkt zusammenbrach, musste der Fonds radikal die Mieten senken.

In Berlin-Pankow erzielte der Fonds Nr. 30, so die DG Anlage, im Januar 2007 gerade mal Büromieten in Höhe von sechs bis acht Euro pro Quadratmeter. Trotz der Discountpreise stand ein Fünftel der Büros leer, im sächsischen Freiberg war sogar mit Mieten unter fünf Euro nur die Hälfte der Räume vermietbar.

Um die Zahlungsunfähigkeit abzuwenden, verlangte die genossenschaftliche Abwicklungsbank BAG zwischen Dezember 2005 und März 2006 von dem Fonds keinen Kapitaldienst mehr für die Kredite, die einst bei dem Vorläuferinstitut der DZ Bank aufgenommen worden waren. Der Fonds konnte nur gerettet werden, weil die Sanierungsgesellschaft der Genossen Ende 2006 auf einen Teil der Zinszahlungen verzichtete.

Dafür gibt es auch künftig wie bisher schon keine Ausschüttungen für die Anleger, und sie mussten der Auflösung eines Generalmietvertrags mit einer Tochter des DZ Bankkonzerns zustimmen. Damit sei der Fortbestand des Fonds "zunächst gesichert", heißt es wenig vielversprechend im Rechenschaftsbericht.
Doch die Zeiten, in denen Anleger alle Vorschläge der DG Anlage willig abnicken, sind lange vorbei. Der Verein "Geschädigte genossenschaftlicher Immobilienfonds" mit Sitz in Stuttgart sammelt Munition. Schon hat sich ihrer eine Armada von Anwälten angenommen und vor Gericht erste Erfolge gegen die Genossenschaftsbanken erzielt, die ja die Fonds vertrieben haben.

Im Januar wurde beispielsweise die Volksbank Göppingen vom Oberlandesgericht Stuttgart zu Schadensersatz verurteilt. Die Klägerin wollte die ursprüngliche Anlagesumme plus Agio plus entgangenen Gewinn zurückbekommen. Der Brancheninformationsdienst "kapitalmarkt intern" hatte schon 1994 vor dem Fonds gewarnt. Solche Warnhinweise hätten von dem Genossenschaftsverband oder der Zentralbank ausgewertet und für Anlageberatungen zur Verfügung gestellt werden müssen, urteilten die Richter.

Bisher hatten die Anleger keinen Erfolg, wenn sie wegen möglicher falscher Angaben in den Prospekten direkt gegen die DZ Bank klagten. 10 Prozesse endeten nach Angaben des Kreditinstituts mit rechtskräftigen Urteilen gegen die Anleger, es laufen allerdings bundesweit noch 92 Prozesse.


Die juristischen Siege helfen der DZ Bank allerdings wenig in der Diskussion mit den Genossen. "Wir fordern eine aktivere Rolle der DZ Bank beim Sanierungsprozess der Fonds", schrieb der Vorstand der Volksbank Freiberg und Umgebung vor kurzem an die Vorstandskollegen des Frankfurter Kreditinstituts, deren Bilanzsumme viele 100-mal größer ist als seine. Das könne sich leicht zu einem Flächenbrand ausweiten, warnte der Freiberger.
Auch auf der Hauptversammlung Ende Mai musste sich DZ-Bank-Chef Kirsch von seinen Anteilseignern, den Volks- und Raiffeisenbanken, einiges anhören. "Ihr müsst jetzt was tun", lautete der Tenor.

Bei der DZ Bank wird darauf verwiesen, dass schon 120 Millionen Euro in die Sanierung der Fonds gesteckt wurden. Doch das wird nicht reichen. Kirsch kündigte auf der Hauptversammlung an, eine Zweckgesellschaft gründen zu wollen. Dort sollen die Volksbanken die Anteile der Problemfonds abladen, die ihnen ihre genervten Kunden schon lange vor die Füße werfen wollen.
Entscheidend wird sein, wer welchen Anteil am Schaden tragen muss. Sowohl Kunden wie Ortsbanken sollen nach den Vorstellungen der DZ Bank bluten. Anleger Bendlin denkt deshalb nach wie vor über juristische Schritte nach.

Quelle: Der Spiegel, 04.06.2007, Nr. 23, Seite 91







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